Unweit vom Hölderlinturm entfernt entdeckte ich in Tübingen auf einem Flohmarkt einen Sammelband mit Liedern. Zwischen Hans Pfitzner, Richard Strauss, Hugo Wolf, Arnold Mendelssohn, Rudolf Peters und Richard Wagner: Lieder von Wilhelm Walther! Meine besondere Aufmerksamkeit galt dem im Sommer 1922 komponierten Lied „An die Madonna“ auf ein Hymnenfragment von Friedrich Hölderlin.
Wer war dieser Komponist zwischen den illustren Namen des deutschen Kunstlieds?
Der Flohmarktfund stammt aus dem Besitz des Lyrikers, Reichsgerichtsrats und Senatspräsidenten Emil Böhmer (1889 – 1981), dem Wilhelm Walther 1916 in Heidelberg eine mit einer Widmung versehene Portraitphotographie schenkte.
Der Theologe Wilhelm Walther war auf vielen künstlerischen Feldern zuhause: Er veröffentlichte Lyrikbände und Novellen, komponierte Lieder, Klavier- und Kammermusik und betätigte sich als Zeichner und Exlibris-Künstler. Das kompositorische Werk endet mit der Suite für Klarinette und Klavier op. 84. Sein Mentor in Darmstadt war der Komponist und Organist Arnold Mendelssohn, dem Wilhelm Walther seine in den Jahren 1903 bis 1914 komponierten sieben Lieder widmete: „ARNOLD MENDELSSOHN dem Künstler und Menschen nach vielen Jahren der Freundschaft“. Arnold Mendelssohn (1855-1933, Großneffe von Felix Mendelssohn-Bartholdy,) lebte seit 1890 in Darmstadt, wo er als Kirchenmusikmeister der Evangelischen Kirche angestellt war. Er lehrte außerdem am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main. Sein prominentester Student war Paul Hindemith.
Wilhelm Walther verweist noch neun Jahre später auf ein Konzert, das die „Freie Gesellschaft für Musik Darmstadt“ unter dem Titel „Moderner Lieder-Abend“ in der Städtischen Akademie für Tonkunst veranstaltete. In einem Brief an den Schriftsteller Karl Wolfskehl (1869-1948) schreibt er: „Wolfskehl-Lieder von mir wurden in zwei Konzerten der hiesigen ‚Freien Gesellschaft für Musik‘ 1925 aufgeführt, nicht ohne bejahendes Echo der ’Presse‘. “ (Brief an Karl Wolfskehl vom 3.9.1934, Deutsches Literaturarchiv Marbach). An diesem Abend standen auch Lieder von Othmar Schoeck (1886-1957) und Richard Trunk (1879-1968) auf dem Programm. Interpretiert wurden die Lieder von der Altistin Hede Vogt-Wachendorf und dem Bariton Peter Schäfer, dem auch die beiden Lieder op. 40 gewidmet sind. Else Dofflein begleitete am Klavier.
Eine bekannte Interpretin der Lieder von Wilhelm Walther war die Sängerin Ruth Kisch-Arndt (1898-1975): „Es macht Ihnen wohl noch Freude zu hören, dass eine mir seither wildfremde jüdische Konzertsängerin, Ruth Kisch-Arndt in Köln, an mich geschrieben hat und sich begeisterte für mein Lied ‚Vom Nebo‘, was sie inzwischen im Breslauer jüd. Musikverein offenbar mit ganz grossem Erfolg aufgeführt hat.“ (Brief an Karl Wolfskehl vom 20.2.1935, Deutsches Literaturarchiv Marbach). Ob die Pianistin Grete Sultan (1906-2005) oder der Komponist Cyril Scott (1879-1970) die ihnen gewidmeten Werke gespielt haben, ist nicht bekannt.
Wilhelm Walther wählte für seine Titel gerne die französische Sprache. Die Anlehnung an Claude Debussy ist unschwer zu erkennen: La fille aux cheveux de lin von Claude Debussy wird zu La fille aux yeux et cheveux noirs bei Wilhelm Walther – eine Affinität zum französischen Impressionismus, die kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs aufhorchen lässt. Einige Werke wurden sogar in französischen Verlagen gedruckt und veröffentlicht. Aber der Darmstädter Impressionist Walther imitiert nicht die impressionistischen Stimmungsbilder seiner französischen Vorbilder, sondern entwickelte eine direkte und fordernde Musiksprache, die sich in großen Stimmungsschwankungen manifestiert. Raffinierte Ornamente, Eleganz und Esprit spielen in seinem musikalischen Kosmos eine untergeordnete Rolle. Das ist erstaunlich, weil er während der Zeit der Darmstädter Künstlerkolonie (1899-1914) seine Jugend in Darmstadt verbrachte.
Eine Ausnahme bildet die im Oktober 1925 komponierten Paysage roman op. 54 für Querflöte und Klavier. Dafür wählte Walther sogar die französische Form seines Vornamens: Guillaume. (Auf dem Titelblatt der Grete Sultan gewidmeten Klavierstücke wurde das „Willy“ durchgestrichen und in „Guillaume“ abgeändert.) In der reizvollen, intimo e grazioso zu spielenden Paysage roman verwendet er musikalische Charakteristiken aus der reichhaltigen Palette der französischen Impressionisten wie Ganztonleitern und Arpeggien: con passione, molto intimo, con calore, ergänzt durch maestoso-Akkorde im Klavier.
Wilhelm Walther notierte sehr differenzierte Ausdrucksbezeichnungen in italienischer, später auch in französischer Sprache. Diese bilden ein ganzes Gefühlsuniversum mit plötzlichen Stimmungsumschwüngen ab: molto elegante, mistico, con passione, impetuoso, molto risoluto, con ardore oder crepuscolare e come sognando come campanella lontana, delicato e dolce,molto con delicatezza (in Le Crépusculaire).
Die Musik von Wilhelm Walther ist meist düster und melancholisch: dunkel in tiefen Lagen, Ausbrüche in extremen Höhen – vor allem in der Singstimme. Mit wuchtigen und schroffen Klängen neigt sein Klaviersatz wie in La Cathédrale (aus: Mayence d’or, Das goldene Mainz) oft zum Monumentalen. Er setzt ein breites Spektrum an vollgriffigen Akkorden mit herben Dissonanzen ein, komponiert in traditionellen Formen mit starken Kontrasten und abrupten Brüchen. Das Klavierstück La tombe d’enfant ist ein Kindertotenlied für die beiden Kinder seiner Schwester Anna: Annemarie und Erwin sind am selben Tag an einer Lebensmittelvergiftung gestorben.
Dem Kreis um Stefan George (1868-1933) hätte Wilhelm Walther gerne angehört und er empfahl sich dem großen Dichter mit dem Lied „So ich traurig bin!“ (Text von Stefan George). Die Musik gleitet bei der Textstelle „Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!“ dolcissimo ins ppp, um bei „Einmal lebt‘ ich wie Götter“ molto espressivo ins ff zu wechseln: „…eine Melodie, die dem seelischen Erleben seismographisch nachspürt.“ (Achim Stricker, Schwäbisches Tagblatt 16.11.2020)
Wilhelm Walther komponierte in der spannenden Um- und Aufbruchsphase nach dem Ersten Weltkrieg und darf zu den „modernen“ Komponisten seiner Zeit gezählt werden. Er war ein Wanderer zwischen den Religionen und den Künsten, zwischen „Wilhelm“, „Willy“ und „Guillaume“. Getrieben auf der Suche nach Anerkennung und dem richtigen Weg spiegeln seine Kompositionen die tiefe Religiosität und innerliche Zerrissenheit ihres Schöpfers wider. Michael Hagemann
(Auszug aus dem Programmheft des „Porträtkonzert mit Werken des vergessenen Darmstädter Komponisten Wilhelm Walther, 1889-1940“ am 10. Oktober 2024 in der Akademie für Tonkunst Darmstadt )
MICHAEL HAGEMANN: „Und vor vielen Jahren habe ich auf diesem Flohmarkt einen roten Band erworben, ihn aber zunächst überhaupt nicht beachtet. Der wanderte einfach ins Regal. Und das war das Opus elf von Wilhelm Walter! 2020 war dann das Hölderlin-Jahr: 250 Jahre Friedrich Hölderlin. In Tübingen, der Hölderlin-Stadt, wurden viele Veranstaltungen geplant. Aus diesem Anlass heraus habe ich einfach einmal die Notenbände durchgeschaut – in der Hoffnung, dass ich irgendetwas Interessantes zu Hölderlin für ein Konzert finde.
Und bei dieser Suche ist mir dieser Notenband vom Flohmarkt, den ich damals erworben hatte, wieder in die Hände gefallen. Beim Durchblättern habe ich gesehen, dass tatsächlich eine Hölderlin-Vertonung in diesem Notenband enthalten ist. Zwischen Liedern von Hugo Wolf und Richard Wagner waren einige Lieder von einem gewissen Wilhelm Walter. Und eines dieser Lieder war eben eine Vertonung eines Textes von Friedrich Hölderlin mit dem Titel „An die Madonna“.